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Mindtricks & Mechaniken – Teil 4: Blue Ocean Strategy

Mit Blue Ocean Strategy zu echter Differenzierung im digitalen Marketing und KI-Produktdesign.

8 Minuten
Mindtricks & Mechaniken – Teil 4: Blue Ocean Strategy
#Blue Ocean Strategy #Innovation #Differenzierung #Marketing
SerieMindtricks & Mechaniken
Teil 4 von 6

Marketingpläne ähneln sich oft bis ins Detail: identische Kanäle, vergleichbare Budgetverteilungen, ähnliche Kampagnenstrukturen. Das ist kein Zufall – es ist die Konsequenz daraus, dass alle Beteiligten dieselben Benchmarks, dieselben Erfolgsbeispiele und dieselben Tools kennen. Der Wettbewerb findet im selben Markt, nach denselben Regeln statt.

W. Chan Kim und Renée Mauborgne nennen das in ihrer „Blue Ocean Strategy” (2005, aktualisiert 2015) den Red Ocean: ein bekannter, definierter Markt, in dem Unternehmen um bestehende Nachfrage kämpfen – durch Preis, Features, Reichweite. Der Wettbewerb färbt das Wasser rot.

Der Gegenentwurf ist der Blue Ocean: ein Markt, den es noch nicht gibt. Keine Konkurrenz, weil keine Vergleichspunkte.

Das Grundprinzip

Die zentrale These des Buches ist radikal: Unternehmen werden erfolgreicher, wenn sie aufhören zu versuchen, besser als die Konkurrenz zu sein – und stattdessen einen Markt schaffen, in dem Wettbewerb irrelevant wird.

Das klingt nach einer abstrakten Strategieidee. Die Autoren machen sie operativ mit konkreten Werkzeugen – unter anderem dem ERRC-Grid (Eliminate-Reduce-Raise-Create):

  • Eliminate: Welche Faktoren, die die Branche für selbstverständlich hält, können gestrichen werden?
  • Reduce: Welche Faktoren werden weit über das notwendige Maß hinaus angeboten?
  • Raise: Welche Faktoren sollten weit über den Branchenstandard angehoben werden?
  • Create: Welche Faktoren sollten eingeführt werden, die die Branche noch nie angeboten hat?

Das ERRC-Grid zwingt dazu, Annahmen zu hinterfragen, die im Wettbewerbsdenken unsichtbar sind. Welche Features existieren, weil alle sie haben – nicht weil Nutzer sie brauchen?

Beispiele aus dem digitalen Umfeld

Frühe OpenAI war ein Blue-Ocean-Move: Das Unternehmen hat nicht versucht, eine bessere Suchmaschine zu bauen, sondern einen Interaktionsmodus mit Wissen eingeführt, den es so nicht gab. Kein direkter Wettbewerb mit Google auf dem Feld des Link-Rankings – sondern ein anderes Paradigma.

Duolingo hat nicht den Sprachkursmarkt verbessert, sondern einen neuen Zugang geschaffen: kostenlos, spielerisch, mobil, ohne Lehrer. Der Vergleich mit Berlitz oder Volkshochschulen greift nicht, weil die Zielgruppe eine andere ist.

Im kleineren Maßstab: Ein Freelancer, der sich als „KI-Stratege für Fertigungsunternehmen” positioniert statt als „freiberuflicher Berater”, verlässt den Red Ocean generischer Beratungsangebote – nicht durch ein besseres Angebot, sondern durch einen präziseren Kontext.

Anwendung auf digitales Marketing

Der häufige Fehler im Content-Marketing: mehr Content zum selben Thema. Mehr Artikel über dieselben Keywords, mehr Videos im selben Format, mehr Kanäle mit demselben Inhalt. Das ist Red-Ocean-Denken angewandt auf Content.

Blue-Ocean-Denken in Content-Strategien bedeutet: Welche Fragen stellt die Zielgruppe, die noch niemand beantwortet? Welche Formate existieren noch nicht? Welcher Ton fehlt in einer Branche, die vor Fachsprache kaum verständlich ist?

Für KI-Produkte und -Features gilt dasselbe: Wer einen Chatbot baut, weil alle einen haben, konkurriert in einem überfüllten Markt mit homogenen Angeboten. Wer einen sehr spezifischen Workflow automatisiert, den bisher niemand adressiert hat – internes Onboarding, Compliance-Checks, Angebotsgenerierung in einer Nischenbranche – schafft einen kleinen Blue Ocean.

Grenzen des Modells

Blue Ocean Strategy ist kein universelles Rezept. Sie setzt voraus, dass ein Unternehmen die Flexibilität hat, Marktdefinitionen infrage zu stellen – was in stark regulierten Branchen, bei eng definierten Zielgruppen oder mit begrenzten Ressourcen schwieriger ist.

Außerdem: Blue Oceans bleiben nicht blau. Sobald ein neuer Markt sichtbar erfolgreich ist, folgt der Wettbewerb. Airbnb hat einen Blue Ocean geschaffen – und konkurriert heute in einem roten Ozean von Nachahmerplattformen. Die Frage ist nicht nur, wie man einen Blue Ocean findet, sondern wie man die Vorteile nutzt, solange das Wasser noch blau ist.

Einordnung

Die Frage, die Blue Ocean Strategy stellt, ist die unbequemste im Marketing: Kämpfen wir hier, weil dieser Markt für uns der richtige ist – oder weil alle kämpfen und wir es deshalb auch tun?

In gesättigten Märkten, in denen Differenzierung immer aufwendiger und teurer wird, ist diese Frage keine philosophische Übung. Sie ist eine strategische Notwendigkeit.