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Lidl, Microsoft und Google: Unabhängigkeit oder nur ein Wechsel der Abhängigkeit?

Warum der Schwarz-Konzern Microsoft verlässt, was STACKIT damit zu tun hat – und ob das ein Modell für europäische Unternehmen sein kann

12 Minuten
Lidl, Microsoft und Google: Unabhängigkeit oder nur ein Wechsel der Abhängigkeit?
#Cloud #Digitale Souveränität #STACKIT #Google Cloud

Die Schwarz-Gruppe, Mutterkonzern von Lidl und Kaufland, migriert 595.000 Mitarbeiter von Microsoft auf Google Workspace. Gleichzeitig baut das Unternehmen mit STACKIT eine eigene Cloud-Plattform auf und investiert elf Milliarden Euro in ein Rechenzentrum in Brandenburg. Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich: Warum zu Google wechseln, wenn man selbst Cloud-Anbieter werden will?

Die Antwort liegt nicht im Wer, sondern im Wie.


Die naheliegende Kritik: Abhängigkeit bleibt Abhängigkeit

Die Skepsis ist berechtigt. Aus europäischer Perspektive sieht die Situation ernüchternd aus:

  • Beide Anbieter – Microsoft und Google – sind US-Unternehmen
  • Beide unterliegen US-Recht, insbesondere dem CLOUD Act
  • Beide setzen auf starke Ökosysteme und Lock-in-Effekte
  • Beide verdienen direkt oder indirekt Geld mit Daten

Der CLOUD Act von 2018 verpflichtet US-Technologieunternehmen zur Herausgabe von Kundendaten an US-Behörden – unabhängig davon, wo diese Daten physisch gespeichert sind. Ein Standort in der EU schützt nicht vor Datenzugriff, solange der Anbieter US-amerikanisch ist.

In dieser Lesart tauscht Lidl lediglich ein Vendor-Lock-in gegen ein anderes. Von echter digitaler Souveränität kann kurzfristig keine Rede sein.

Und trotzdem greift diese Sicht zu kurz.


Was die Schwarz-Gruppe technisch tatsächlich verändert

Der Kern der Bewegung ist weniger „Microsoft raus, Google rein”, sondern eine architektonische Neuausrichtung.

Weg von Monolithen, hin zu Plattformdenken

Microsoft wird in vielen Unternehmen über integrierte Stacks genutzt: Active Directory, Azure, Microsoft 365, DevOps, Security – alles greift ineinander. Das ist bequem, aber es schafft tiefe Abhängigkeiten.

Die Schwarz-Gruppe geht einen anderen Weg:

  • Containerbasierte Workloads
  • Kubernetes-First-Strategie
  • Cloud-native Services statt proprietärer Plattformfunktionen

Google Cloud ist hier traditionell stärker auf offene Standards ausgerichtet. Kubernetes, ursprünglich von Google entwickelt, ermöglicht es, Anwendungen zwischen verschiedenen Cloud-Anbietern zu verschieben. Das senkt nicht die Abhängigkeit sofort – aber es senkt die Wechselkosten langfristig.

Entkopplung von Identität, Infrastruktur und Anwendungen

Ein klassisches Microsoft-Setup koppelt Identitätsmanagement, Collaboration, Infrastruktur und Security sehr eng. Das macht vieles einfacher – aber auch jeden Wechsel schwieriger.

Die Schwarz-Gruppe trennt diese Ebenen bewusster:

EbeneKlassisch (Microsoft)Entkoppelt (Schwarz)
IdentitätAzure ADUnabhängig
CollaborationMicrosoft 365Google Workspace
InfrastrukturAzureSTACKIT / Multi-Cloud
SecurityMicrosoft DefenderXM Cyber (Eigenentwicklung)

Das Ziel ist nicht Anbieterfreiheit heute, sondern Entscheidungsfreiheit morgen.

Exit-Fähigkeit als strategisches Ziel

Wichtig ist weniger, wo die Workloads heute laufen, sondern:

  • Wie schnell können sie verschoben werden?
  • Wie viel Code ist provider-spezifisch?
  • Wie austauschbar sind Datenhaltung und Pipelines?

47 Prozent der Unternehmen sind mittlerweile besorgt über ihre Abhängigkeit von AWS, Azure und Google Cloud. Die Schwarz-Gruppe adressiert genau dieses Problem – nicht durch Vermeidung, sondern durch Architektur.


STACKIT: Die eigene Cloud als langfristige Strategie

Parallel zum Google-Wechsel baut die Schwarz-Gruppe mit STACKIT eine eigene Cloud-Plattform auf.

Die Fakten

  • 11 Milliarden Euro Investition in ein Rechenzentrum in Lübbenau (Brandenburg)
  • Bis zu 100.000 GPUs geplant
  • Rechenzentren ausschließlich in Deutschland und Österreich
  • C5-Testat des BSI für sicheres Cloud Computing
  • Partnerschaften mit SAP, Aleph Alpha und Deutsche Bahn

Die Strategie

STACKIT ist nicht als AWS-Konkurrent konzipiert – und das ist auch nicht das Ziel. Die Schwarz-Gruppe weiß, dass sie bei globalem Funktionsumfang und Skaleneffekten nicht mithalten kann. Stattdessen setzt STACKIT auf eine klar definierte Nische: Unternehmen, für die Datensouveränität wichtiger ist als globale Verfügbarkeit.

Die Zielgruppe:

  • Mittelständische Unternehmen in Deutschland
  • Öffentliche Verwaltung
  • Regulierte Branchen (Finanzen, Gesundheit)
  • Unternehmen mit hohen Anforderungen an Datensouveränität

Google Workspace auf STACKIT

Die Partnerschaft mit Google hat einen konkreten technischen Kern: STACKIT fungiert als souveränes Speicherziel für Google Workspace. Das bedeutet:

  • Nutzerdaten verbleiben in europäischen Rechenzentren
  • Clientseitige Verschlüsselung schützt vor Zugriff durch Dritte – einschließlich Google selbst
  • Die Produktivitätssuite kommt von Google, die Datenhaltung bleibt europäisch

Das ist ein pragmatischer Kompromiss: Man nutzt die Software-Qualität eines US-Anbieters, ohne ihm die Daten zu überlassen.


Die kritische Perspektive: Was bleibt problematisch?

Strukturelle Grenzen von STACKIT

Eine souveräne Cloud-Plattform kann nicht dieselbe globale Reichweite bieten wie Hyperscaler mit Dutzenden Rechenzentren weltweit. Sobald ein Unternehmen Cloud-Services in Asien oder Amerika benötigt, sind AWS, Azure und Google bereits vor Ort.

Die Skaleneffekte fehlen ebenfalls. Hyperscaler profitieren von globaler Auslastung und massivem Hardwareeinkauf. STACKIT muss dieses Ungleichgewicht über Effizienz und Spezialisierung ausgleichen.

Google bleibt ein US-Unternehmen

Auch wenn die Daten in STACKIT-Rechenzentren liegen: Die Software kommt von Google. Bei einem politischen Konflikt könnte der Zugang zu Google Workspace theoretisch eingeschränkt werden. Die Abhängigkeit verlagert sich von Daten auf Funktionalität.

Kein europäischer Ersatz in Sicht

Es bleibt ein Armutszeugnis, dass es kein europäisches Unternehmen gibt, das Microsoft oder Google in dieser Breite ersetzen kann. Die Schwarz-Gruppe löst ein Problem, das es ohne US-Dominanz nicht gäbe.


Was Lidl anders macht als andere

Architektur vor Anbieter

Die meisten Unternehmen diskutieren Cloud-Strategie als Anbieterfrage: AWS oder Azure? Google oder Microsoft? Die Schwarz-Gruppe stellt eine andere Frage: Wie bauen wir unsere Systeme so, dass der Anbieter austauschbar wird?

Das ist aufwendiger, teurer und langsamer. Aber es ist der einzige Weg zu echter Wahlfreiheit.

Eigene Infrastruktur als Verhandlungsmasse

Wer eine eigene Cloud betreibt, verhandelt anders. Die Schwarz-Gruppe ist nicht nur Kunde von Google – sie ist Partner. STACKIT hostet Google Workspace für externe Kunden. Das verändert die Machtbalance.

Langfristiges Denken

Der Aufbau von STACKIT dauert Jahre und kostet Milliarden. Das ist kein Quartalsprojekt. Die Schwarz-Gruppe denkt in Dekaden – und das unterscheidet sie von den meisten Unternehmen.


Einordnung: Modell oder Sonderfall?

Was andere Unternehmen lernen können

  1. Architektur ist wichtiger als Anbieter – Wer auf offene Standards setzt, reduziert Wechselkosten
  2. Entkopplung schafft Optionen – Identität, Infrastruktur und Anwendungen sollten trennbar sein
  3. Exit-Strategien gehören in die Planung – Nicht als Dokument, sondern als technische Realität

Was nicht übertragbar ist

  • Die Schwarz-Gruppe hat 1,9 Milliarden Euro Umsatz allein im IT-Bereich
  • Sie kann 11 Milliarden in ein Rechenzentrum investieren
  • Sie hat 595.000 interne Nutzer als Testfeld

Das ist kein Modell für den Mittelstand. Aber die Denkweise ist übertragbar.


Die unbequeme Wahrheit

Digitale Souveränität entsteht nicht durch nationale Anbieter allein. Sie entsteht durch:

  • Architekturentscheidungen, die Abhängigkeiten reduzieren
  • Technische Schulden abbauen statt aufbauen
  • Klare Trennung von Verantwortungsebenen
  • Bewussten Verzicht auf „bequeme” proprietäre Abkürzungen

In diesem Sinne ist die Schwarz-Gruppe nicht „unabhängig” – aber weniger gefangen.

Ein Wechsel zu einem europäischen Anbieter ohne saubere Architektur wäre Augenwischerei. Ein US-Anbieter mit offenen Standards kann ein sinnvoller Zwischenschritt sein. Die Schwarz-Gruppe zeigt, wie man sich vorbereitet, falls sich der Markt ändert – nicht, dass er sich schon geändert hätte.


Was bleibt

Die Schwarz-Gruppe ist kein Vorbild, weil Google „besser” wäre als Microsoft. Sie ist ein Vorbild, weil sie offenbar verstanden hat:

Unabhängigkeit ist kein Anbieterproblem, sondern ein Architekturproblem.

Der Weg ist lang, teuer und komplex. Aber er beginnt genau dort: bei Entkopplung, bei Standardisierung, bei Exit-Strategien, die mehr sind als Folien im Management-Deck.

Man kann das kritisch sehen. Man kann es aber auch als einen der wenigen realistischen Schritte bewerten, die ein Konzern dieser Größe aktuell gehen kann.