Zum Inhalt springen
CASOON

Was sehen alternative Suchmaschinen, was Google versteckt?

Dieselbe Suchanfrage, verschiedene Welten: Wie DuckDuckGo, Brave, Kagi und Co. andere Ergebnisse liefern als Google

14 Minuten
Was sehen alternative Suchmaschinen, was Google versteckt?
#Suchmaschinen #Google #DuckDuckGo #Brave Search

Suchen Sie mal nach „beste Matratze” bei Google. Vor dem ersten organischen Ergebnis stehen bis zu vier Anzeigen, dann ein Shopping-Karussell, dann ein AI Overview, das die Antwort gleich selbst gibt. Bei DuckDuckGo fehlen die Anzeigen, das Shopping-Karussell und die KI-Zusammenfassung. Bei Kagi erscheinen unabhängige Testberichte und Foren-Diskussionen statt Affiliate-Portale. Dieselbe Frage, fundamental andere Antworten.

Das ist kein Zufall. Google verdient 175 Milliarden Dollar jährlich mit Suchmaschinenwerbung. Jede Ergebnisseite ist gleichzeitig Werbefläche. Alternative Suchmaschinen haben andere Geschäftsmodelle und damit andere Anreize bei der Sortierung. Die Frage ist nicht, ob die Ergebnisse sich unterscheiden, sondern wie stark und warum.

Die Filterblase ist messbar

2018 ließ DuckDuckGo 87 Teilnehmer gleichzeitig nach denselben Begriffen suchen: „gun control”, „immigration”, „vaccinations”. Das Ergebnis war eindeutig. Bei „vaccinations” sahen 92 Prozent der Teilnehmer einzigartige Ergebnisse, die kein anderer Teilnehmer in dieser Form bekam. Bei „gun control” waren es 68 Prozent, bei „immigration” 57 Prozent.

Der Inkognito-Modus half dabei nicht. Die Variation zwischen verschiedenen Nutzern war mehr als doppelt so groß wie die Variation zwischen den Modi desselben Nutzers. Googles Personalisierung greift tiefer als nur Cookies und Login-Status: Standort, Gerätetyp, abgeleitete Interessen und der unmittelbare Suchverlauf formen das Ergebnis.

Google selbst relativiert das. Danny Sullivan erklärte, es sei ein „Mythos”, dass verschiedene Nutzer signifikant unterschiedliche Ergebnisse bekämen. Die Unterschiede lägen primär an Standort und Rechenzentrum-Variationen. Die DuckDuckGo-Studie spricht eine andere Sprache: Obwohl Google standardmäßig zehn Links pro Seite zeigt, tauchten bei „vaccinations” insgesamt 22 verschiedene Domains auf, bei „gun control” waren es 19.

Googles struktureller Interessenkonflikt

Das Problem reicht tiefer als Personalisierung. Google ist gleichzeitig Suchmaschine und Werbeplattform und eigener Content-Anbieter. Diese Dreifachrolle führt zu messbaren Verzerrungen.

Selbstbevorzugung bei eigenen Diensten: 2017 verhängte die EU-Kommission eine Kartellstrafe von 2,42 Milliarden Euro, weil Google den eigenen Preisvergleichsdienst systematisch bevorzugte. Im September 2024 bestätigte der Europäische Gerichtshof dieses Urteil als endgültig. Im März 2025 stellte die EU-Kommission erneut fest, dass Google bei Shopping, Hotels, Transport und weiteren Verticals eigene Dienste bevorzugt behandelt, diesmal unter dem Digital Markets Act.

Fast 30 Prozent aller Klicks landen bei Google selbst. YouTube, Google Images, Google Maps: Die SparkToro-Studie von 2024 zeigt, dass von 1.000 Google-Suchen nur 360 Klicks ins offene Web führen. 270 gehen an Google-eigene Properties, 70 an bezahlte Anzeigen. Und 585 Suchen enden ganz ohne Klick.

Werbung verdrängt organische Ergebnisse. Bei kommerziellen Anfragen zeigt Google bis zu vier Textanzeigen oberhalb der organischen Ergebnisse plus drei am Seitenende. 45 Prozent der Nutzer mit Bildschirmauflösungen unter 768 Pixeln sehen bei vier Top-Anzeigen keine organischen Ergebnisse mehr above the fold. Seit März 2024 werden Anzeigen zusätzlich innerhalb der organischen Ergebnisse gemischt. Der erste unbezahlte Link kann bei einer Shopping-Suche erst nach zwei Scroll-Bewegungen erscheinen.

Im August 2024 urteilte ein US-Bundesrichter in einer 277-seitigen Entscheidung: „Google is a monopolist, and it has acted as one to maintain its monopoly.” Google zahlte allein 2021 rund 26,3 Milliarden Dollar für Default-Suchmaschinen-Vereinbarungen, davon etwa 18 Milliarden an Apple.

Fünf Suchmaschinen, fünf verschiedene Welten

Was passiert, wenn man dieselbe Anfrage bei verschiedenen Suchmaschinen eingibt? Die Unterschiede sind keine Nuancen. Sie spiegeln fundamental verschiedene Geschäftsmodelle wider.

DuckDuckGo: Googles Ergebnisse ohne Google

DuckDuckGo nutzt primär den Microsoft-Bing-Index, ergänzt durch einen eigenen Crawler und über 400 weitere Quellen, darunter Wikipedia und Wolfram Alpha. Das Ergebnis ist ein amalgamierter Index, keine Google-Kopie.

Der entscheidende Unterschied: keine Personalisierung. Zwei Nutzer in verschiedenen Städten mit verschiedenen Suchverläufen sehen bei DuckDuckGo identische Ergebnisse. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Es bedeutet, dass die Ergebnisse nach Relevanz zur Suchanfrage sortiert sind, nicht nach dem Profil, das über Jahre über den Nutzer angelegt wurde.

Mit rund 100 Millionen täglichen Suchanfragen und über 100 Millionen Nutzern weltweit ist DuckDuckGo die größte Google-Alternative. 62 Prozent der Nutzer nennen Datenschutz als Hauptmotiv für den Wechsel. 46 Prozent wollten schlicht „etwas anderes als Google”.

Was DuckDuckGo anders zeigt: Weniger Shopping-Ergebnisse bei kommerziellen Anfragen, keine personalisierten News-Blasen, konsistentere Ergebnisse über verschiedene Nutzergruppen hinweg. Die Schwäche: Bei einem Bing-API-Ausfall 2024 zeigte DuckDuckGo keine Ergebnisse mehr. Die Abhängigkeit von Microsofts Index ist real.

Brave Search: Der einzige unabhängige Index

Brave Search ist die einzige nennenswerte Suchmaschine mit einem vollständig eigenen Index, der weder auf Google noch auf Bing basiert. 40 Milliarden Seiten, über 100 Millionen tägliche Aktualisierungen, aufgebaut durch das Web Discovery Project: Opt-in-Nutzer des Brave-Browsers tragen anonymisierte Daten über Suchanfragen und besuchte Seiten bei.

Das bedeutet: Brave Search sieht das Web durch eine andere Linse als Google. Die Gewichtung, was wichtig ist und was nicht, basiert auf einem anderen Datensatz. 2022 lieferte der eigene Index bereits 92 Prozent der Suchergebnisse ohne Drittanbieter.

Was Brave Search anders zeigt: Durch den unabhängigen Index tauchen Seiten auf, die bei Google und Bing möglicherweise nie indexiert oder weit hinten sortiert wurden. Besonders bei Nischenthemen und technischen Suchanfragen zeigt Brave oft andere Quellen.

Das Goggles-Feature, eingeführt im Juni 2022, geht noch weiter: Nutzer können eigene Ranking-Regeln erstellen oder von der Community erstellte Regeln anwenden. Ein „Tech Blogs”-Goggle priorisiert unabhängige Tech-Blogs, ein „No Pinterest”-Goggle filtert Pinterest-Ergebnisse aus Bildersuchen. Das ist das Gegenteil einer Blackbox: Der Nutzer bestimmt die Sortierlogik.

Kagi: Was passiert, wenn der Nutzer zahlt statt der Werbetreibende

Kagi kostet ab 5 Dollar pro Monat für 300 Suchanfragen, 10 Dollar für unbegrenzte Nutzung. Rund 50.000 zahlende Mitglieder nutzen den Dienst (Stand Mitte 2025). Das klingt nach einer Nische. Aber Kagi beantwortet eine grundsätzliche Frage: Was passiert mit Suchergebnissen, wenn die Suchmaschine keinen Anreiz hat, Werbetreibende zu bevorzugen?

Die Antwort ist sichtbar. Bei Kagi erscheinen Ergebnisse von „somewhat obscure, non-commercial sites and blogs”, wie es ein Nieman-Lab-Test formuliert. Inhalte, die „would be very unlikely to find via Google”. Unabhängige Tests zeigen: Kagi performt besonders gut, „whenever Google has too much of an incentive to perform worse”, also genau bei den lukrativen, kommerziellen Suchanfragen.

Was Kagi anders zeigt: Die Lenses-Funktion ermöglicht gezielte Suche in Teilbereichen des Webs. „Small Web” zeigt ausschließlich nicht-kommerzielle Domains und Blogs. „Forums” filtert auf Reddit und Community-Plattformen. Nutzer können einzelne Websites dauerhaft hochstufen oder blockieren. Wer immer wieder denselben SEO-Spam sieht, entfernt ihn einmal und nie wieder.

Startpage: Google ohne Google

Startpage ist ein Proxy. Suchanfragen werden anonymisiert an Google weitergeleitet. Man erhält dieselben Google-Ergebnisse, aber ohne Personalisierung und ohne Tracking. Das macht Startpage zum interessanten Kontrollexperiment: Was zeigt Google, wenn es den Nutzer nicht kennt?

Die Ergebnisse sind aufschlussreich. Ohne Personalisierung fehlen die auf den Suchverlauf zugeschnittenen Empfehlungen, die lokale Anpassung ist weniger aggressiv, und die News-Auswahl folgt der allgemeinen Relevanz statt dem individuellen Konsumverhalten. Die Anonymous-View-Funktion geht noch weiter: Man kann Suchergebnisse über einen Startpage-Proxy öffnen, ohne die eigene IP-Adresse preiszugeben.

Einschränkungen: Startpage zeigt weiterhin Google-Werbung. Und seit 2019 hält System1, eine US-amerikanische Adtech-Firma, über die „Privacy One Group” eine Mehrheitsbeteiligung. Wer Google-Qualität ohne Google-Tracking will, bekommt bei Startpage genau das. Aber eben auch nicht mehr.

Ecosia: Suche als Klimabeitrag

Ecosia nutzt ebenfalls den Bing-Index und leitet über 80 Prozent seiner Gewinne in Aufforstungsprojekte. Über 20 Millionen aktive Nutzer weltweit finanzieren damit Baumpflanzungen, ohne selbst zu spenden. Die Suchergebnisse unterscheiden sich technisch kaum von Bing und DuckDuckGo, der Unterschied liegt im Geschäftsmodell: Werbeeinnahmen fließen nicht an Aktionäre, sondern in ökologische Projekte.

Was das für Ihre Sichtbarkeitsstrategie bedeutet

Die Unterschiede zwischen diesen Suchmaschinen sind keine akademische Übung. Sie haben praktische Konsequenzen für jeden, der online gefunden werden will.

Die wertvollste Zielgruppe wechselt zuerst. Die Nutzer, die aktiv zu alternativen Suchmaschinen wechseln, gehören häufig zur technisch versierten, datenschutzbewussten Gruppe. Genau die Zielgruppe, die für Fachseiten und spezialisierte Angebote am relevantesten ist. Wer nur für Google optimiert, verliert diese Nutzer möglicherweise nicht einmal an die Konkurrenz, sondern an die Unsichtbarkeit.

Content-Qualität schlägt SEO-Optimierung. Bei Kagi und Brave Search performen unabhängige, substanzielle Inhalte besser als SEO-optimierte Massenartikel. Das ist kein Zufall: Ohne kommerziellen Ranking-Anreiz gewinnt tatsächliche Relevanz. Wer Inhalte für Menschen statt für Algorithmen schreibt, wird bei diesen Suchmaschinen belohnt.

Strukturierte Daten werden wichtiger, nicht unwichtiger. Alternative Suchmaschinen mit eigenem Index (Brave) oder amalgamierten Quellen (DuckDuckGo) sind auf klare technische Signale angewiesen. Schema-Markup, saubere Seitenstruktur und korrekte Meta-Daten helfen diesen Suchmaschinen, Inhalte richtig einzuordnen.

Diversifizierung ist kein Luxus. Googles globaler Suchmarktanteil fiel laut StatCounter von 89 Prozent Anfang 2024 auf unter 80 Prozent Anfang 2026. Der kombinierte Traffic zu KI-Plattformen wie ChatGPT und Perplexity stieg im selben Zeitraum um 225 Prozent. Die Abhängigkeit von einem einzelnen Kanal war noch nie so riskant wie heute.

Welche Suchmaschine für welchen Zweck

Keine dieser Alternativen ist ein vollständiger Google-Ersatz. Aber jede hat Stärken, die Google nicht bieten kann oder will.

DuckDuckGo eignet sich als täglicher Standard für alle, die keine personalisierten Ergebnisse wollen. Die Qualität reicht für die meisten Alltagssuchen. Die Abhängigkeit vom Bing-Index ist die größte Schwäche.

Brave Search ist die beste Wahl für technische Recherchen und Nischenthemen. Der unabhängige Index findet Seiten, die bei Google und Bing nicht auftauchen. Goggles ermöglichen eine Kontrolle über die Ergebnisse, die keine andere Suchmaschine bietet.

Kagi lohnt sich für jeden, der täglich viel recherchiert und bereit ist, dafür zu zahlen. Die Ergebnisqualität bei kommerziellen Anfragen ist spürbar besser als bei Google. Lenses und Website-Gewichtung machen die Suche über die Zeit immer effizienter.

Startpage ist die pragmatische Lösung für alle, die Google-Ergebnisse schätzen, aber nicht getrackt werden wollen.

Ecosia bietet eine einfache Möglichkeit, den täglichen Suchverkehr in ökologischen Impact umzuwandeln, ohne auf brauchbare Ergebnisse zu verzichten.

Die eigentliche Frage

Es geht nicht darum, ob alternative Suchmaschinen besser sind als Google. Es geht darum, dass „besser” davon abhängt, wessen Interessen die Sortierung bestimmt. Bei Google sind es drei Parteien gleichzeitig: der Nutzer, der Werbetreibende und Google selbst. Bei Kagi ist es nur der Nutzer. Bei Brave bestimmt der Nutzer über Goggles die Regeln mit.

Wer seit Jahren nur durch eine Linse schaut, hält das Bild irgendwann für die Realität. Es lohnt sich, gelegentlich die Linse zu wechseln.

Weiterführende Ressourcen